Das Glück der Erde …

Zossen, Rösser, Pferde in der modernen Kunst

Werke aus der Sammlung des Sprengel Museum Hannover

25. Januar – 23. April 2017

Unter dem Titel „Das Glück der Erde…“ zeigt das Sprengel Museum Hannover in den Räumen der Grafischen Sammlung vom 25. Januar bis 23. April 2017 etwa 100 Zeichnungen, Druckgrafiken, Fotografien, Gemälde und Skulpturen seit Beginn des 20. Jahrhunderts bis heute. Die Werke reichen von modernen Klassikern wie Marc Chagall, Franz Marc, Pablo Picasso, Emil Nolde oder Renée Sintenis, bis zu Nachkriegskünstlern und Zeitgenossen wie Marino Marini, Niki de Saint Phalle, Johannes Brus oder Anri Sala.

Der Ausstellungstitel zitiert das alte Sprichwort „Das Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde“, das bereits zu seiner Entstehungszeit im 19. Jahrhundert einen sentimentalen Sehnsuchtsgedanken nach dem Natürlichen und Elementaren, zur kentaurenhaften Verbundenheit mit der Kreatur, ausdrückte. Im bürgerlichen Zeitalter des 19. Jahrhunderts hatte das Pferd als adeliges Paradepferd und Repräsentationsobjekt zwar ausgedient, doch wurde es weiterhin benötigt als Zugpferd für die Postkutsche und Pferdestraßenbahn in den Städten, vor dem Pflug und Heuwagen. Neben Landwirtschaft und Stadt ist die Armee der stärkste Pferdenutzer im 19. Jahrhundert, aber auch in den beiden Weltkriegen gab es trotz aller Mechanisierung noch einen enormen Pferdebedarf (auf deutscher Seite im 1. Weltkrieg 1,8 Mio., im 2. Weltkrieg, vor allem am der Ostfront, 2,7 Mio.).

Bürgerliche Vergnügungen wie Pferderennen, Stierkampf (Picasso) und Zirkus (Léger) boten ebenfalls ein neues Betätigungsfeld für die künstlerische Pferdedarstellung. Mit der weiteren Industrialisierung und dem Aufkommen von Elektrotram und Automobil noch vor dem Ersten Weltkrieg begann in den Großstädten jedoch das Zeitalter der „Entpferdung“ (Isaak Babel). Je mehr sich das reale Pferd aus der sich mechanisierenden Zivilisation entfernte, desto mehr gewann es an imaginärer und chimärischer Präsenz. In der Kunst des Expressionisten Franz Marc symbolisiert es abstrakte Ideen und Spiritualität. Im Mythos ist es ein Begleiter des Göttlichen, wie bei Georges Braque oder Ossip Zadkine, in Traum und Poesie wird es lebendige Metapher von Pathos, Erotik und Leidenschaft, wie bei Picasso, Chagall und Max Ernst.

Die epochale Trennung von Mensch und Tier, das Ende des „kentaurischen Paktes“, wie Ulrich Raulff (2015) die Arbeits- und Lebensgemeinschaft von Mensch und Pferd nennt, wurde in den 1950er- Jahren vollzogen, als die letzten Arbeitspferde in der Landwirtschaft durch Traktoren ersetzt wurden. Geblieben ist die ästhetische Beglückung und Begeisterung durch den Adel, die Schönheit und Liebenswürdigkeit des Pferdes. Heute gibt es in Deutschland wieder eine Million Pferde und etwa ebenso viele Reiter und vor allem Reiterinnen. Das Land Niedersachsen trägt das steigende Sachsenross im Wappen, seine Hannoveraner und Oldenburger sind weltweit begehrte Exportartikel, und etwa 50.000 Menschen leben allein in Niedersachsen von der Pferdewirtschaft. Dennoch ist das Pferd, historisch gesehen, unsichtbar, seine Bedeutung hat es heute vor allem als Freizeitpartner und „Sportgerät“.

Von allen Tieren ist das Pferd dasjenige, das die tiefste und weitreichendste Auswirkung auf die menschliche Entwicklung und Kultur hatte. Gemeinsam mit der Erfindung des Rades veränderte und bestimmte es die Geschichte und den Lebensstil des Menschen grundlegend. Der „kentaurische Pakt“ ist jedoch schwer erarbeitet. Das schnelle Fluchttier Pferd musste durch Zucht und Dressur den Bedürfnissen des Raubtieres Mensch angepasst werden. Als rasante Tempomaschine ermöglichte es dem Menschen Herrschaft und Gewalt über große Territorien, „als animalischer Vektor wurde das Pferd zum politischen Tier und zum wichtigsten Gefährten des Homo sapiens.“ (Raulff)

Quelle: Sprengel Museum Hannover